Pokémon go: ki-training mit spielerdaten – ein ethisches dilemma?
Ein simpler Handheld-Rechner weckte in mir als Kind die Faszination für die digitale Welt. Diese Neugier treibt mich bis heute an, die Mechanismen hinter Technologie zu verstehen. Nun taucht ein neuer Aspekt auf, der diese Faszination mit ethischen Fragen verbindet: Pokémon GO, einst ein spielerischer Hit, dient offenbar als Datenlieferant für künstliche Intelligenz. Eine Abspaltung von Niantic, Niantic Spatial, nutzt die Millionen von Spielerscans, um eine hochauflösende 3D-Karte der Welt zu erstellen – und das mit potenziellen Folgen für den Datenschutz.
Die unerwartete rolle von pokémon go
Pokémon GO schoss 2016 in die Charts und lockte Millionen Spieler mit der Idee, virtuelle Kreaturen in der realen Welt zu fangen. Doch was nun passiert, ist weit mehr als nur ein nostalgischer Rückblick. Niantic Spatial, ein Spin-off des ursprünglichen Pokémon GO-Entwicklers Niantic, hat eine Vereinbarung getroffen, die es ermöglicht, die von Spielern erstellten Daten zu nutzen. Die Anwendung Scaniverse sammelte dabei über 30 Milliarden Bilder, die nun für das Training von KI-Modellen verwendet werden.
Die Datenbasis: Eine Welt in 3D Diese Modelle sollen eine Art „geo-spatiales Modell im großen Maßstab“ erstellen, wie es Niantic Spatial ausdrückt. Das bedeutet im Klartext: Eine detaillierte, dreidimensionale Abbildung der physischen Welt, erzeugt aus den Perspektiven der Spieler beim Scannen von Orten. Die Karten von Pokémon GO übertreffen demnach sogar Google Maps in ihrer Detailgenauigkeit – ein bemerkenswertes Ergebnis, das jedoch auch Fragen aufwirft.
Niantic Spatial beteuert, die Daten würden nicht direkt kopiert oder als Zugang zu den ursprünglichen Scans verwendet. Stattdessen würden sie lediglich zur Schulung der KI-Systeme herangezogen, die lernen, physische Räume zu erkennen und zu interpretieren. Es handelt sich also um eine Abstraktion, keine exakte Duplikation.

Militärische anwendungen im visier?
Die Entwicklung eines solchen 3D-Modells hat weitreichende Implikationen, nicht nur für die Spieleentwicklung. Das Unternehmen Vantor, ehemals Maxar Intelligence, arbeitet ebenfalls an diesem Projekt und hat betont, dass die Datenmenge, die durch die Spieler generiert wurde, eine rasche Entwicklung erst ermöglichte. Jeroen van den Hoven, ein Experte für Ethik und Technologie, warnt, dass Spieler ungewollt zur Entwicklung von militärischen Anwendungen beigetragen haben könnten.
Die Sorge ist verständlich: Werden die von Pokémon GO generierten Daten für Zwecke verwendet, die über die reine Spieleentwicklung hinausgehen? Die Spieler äußern Bedenken, dass ihre Informationen in die Hände von US-amerikanischen Militärinstitutionen gelangen könnten. Niantic Spatial weist diese Vorwürfe zurück und betont, dass sie keinen Zugriff auf die Daten der aktuellen Pokémon GO-Spieler haben, da die Lizenzrechte seit Mai 2025 bei Scopely liegen.
Transparenz oder Beschönigung? Niantic Spatial wirbt mit Transparenz, doch die Tatsache, dass ein solch umfangreicher Datensatz für KI-Training missbraucht werden kann, wirft ein bezeichnendes Licht auf die Grenzen des Datenschutzes in der digitalen Welt. Die Spieler haben unwissentlich eine riesige Datenmenge generiert, die nun für Zwecke genutzt wird, die sie möglicherweise nicht unterstützen. Die Frage ist, ob die Vorteile der technologischen Entwicklung die potenziellen Risiken für die Privatsphäre rechtfertigen.
Die Geschichte von Pokémon GO und Niantic Spatial ist ein mahnendes Beispiel dafür, wie spielerische Interaktionen in der digitalen Welt zu wertvollen Datenquellen für künstliche Intelligenz werden können – und welche ethischen Verantwortung dies für Unternehmen und Nutzer mit sich bringt. Die 30 Milliarden Bilder sind ein Beweis dafür: Die Welt, wie wir sie kennen, wird zunehmend von Daten erfasst und interpretiert – oft ohne unser Wissen oder unsere Zustimmung.